Tantra

Tantra


Tantra-Yoga“ „Der Königsweg der buddhistischen Meditation“ – ist das einzige Buch des Dalai Lama über Tantra-Yoga – die tiefgründigste Meditationspraxis des Buddhismus, 2009 erschienen im Fischer-Verlag. Hier ein Auszug aus der Einleitung:
„Tantra-Yoga (oder Guru-Yoga) ist eine  zentrale Meditation des tibetischen Buddhismus, dessen komplexe und tiefgründige Techniken auch noch die verborgensten inneren Kräfte aktiviert. Tantrische Meditation verleiht dem Übenden ein hohes Maß an Vitalität, Stabilität des Geistes und Hingabefähigkeit. Diese Eigenschaften können alle Hindernisse zur Erreichung des Nirvana oder der Vereinigung mit dem klaren Licht überwinden.“

Wenn wir von Tantra oder Tantra-Yoga sprechen, verstehen wir genau diesen Weg.
Tantra wird im Westen Dank der Medien und der Oberflächlichkeit beim Hinterfragen  oft mit Kamasutra verwechselt und/oder auf Sex reduziert. Doch nicht einmal 7 % der tantrischen Schriften berühren dieses Thema.  Ganz im Gegenteil – es geht um höchste innere Werte.

Allgemeine Begriffserklärung:
Tantra (Sanskrit, n., "Gewebe, Kontinuum, Zusammenhang") ist eine in Indien entstandene esoterische Form des Hinduismus und später des Buddhismus (vgl.Vajrayana) innerhalb der nördlichen Mahayana-Tradition. Die Ursprünge des Tantra beginnen im 2. Jahrhundert, in voller Ausprägung liegt die Lehre jedoch frühestens ab dem 7./8. Jahrhundert vor. Im Buddhismus ist auch der Begriff Tantrayana gebräuchlich (Tantrayana "Fahrzeug der Tantra-Texte").
Das Wort Tantra wird von der Sanskritwurzel tan (ausdehnen) abgeleitet. Tantrismus bedeutet somit allumfassendes Wissen oder Ausbreitung des Wissens. Die menschliche Erfahrung verdankt ihm die Entdeckung und Lokalisierung der Energiezentren (Chakras)- im menschlichen Körper. Jedes Individuum ist gemäß der tantrischen Lehre eine Manifestation dieser Energie und die Dinge um uns sind das Produkt des gleichen Bewusstseins, das sich immerfort auf verschiedene Weise offenbart.

Entstehung:
Der Tantrismus ist eine Erkenntnislehre, die auf der Untrennbarkeit des Relativen und des Absoluten basiert. Was den Tantrismus von anderen hinduistischen und buddhistischen Systemen unterscheidet, ist die Betonung der Identität von absoluter und phänomenaler Welt. Das Ziel des Tantrismus ist die Einswerdung mit dem Absoluten und das Erkennen der höchsten Wirklichkeit. Da angenommen wird, dass diese Wirklichkeit energetischer Natur ist, und Mikrokosmos und Makrokosmos verwoben sind, sieht der Tantrismus äußere Handlungen als Spiegel innerpsychischer Zustände. Da Geist und Materie als nicht vollständig geschieden angesehen werden, ist der hinduistische Tantrismus diesseitsbejahend und benutzt verschiedene psycho-experimentelle Techniken der Selbstverwirklichung und Erfahrung der Welt und des Lebens. Damit können die Elemente als positive Dimensionen erfahren werden, in denen sich das Absolute offenbart. Tantra stellt sich also hauptsächlich als spiritueller und mystischer Weg dar, der auf metaphysischen Annahmen beruht.

 

TANTRA ... und die falsche Vorstellung davon

Von Dr. David Frawley


Quelle: © 2010 YOGA AKTUELL  Yoga Verlag GmbH
 
Tantra – allein der Begriff polarisiert: Während die einen verächtlich die Nase rümpfen, geraten die anderen in Verzückung; wiederum andere erstarren vor Furcht. Doch was ist Tantra wirklich? David Frawley besinnt sich auf die Essenz des Tantra-Yoga inmitten unüberschaubarer Illusionen

Vielleicht ist unter Indiens Yoga Traditionen keine exotischer, drastischer und aufsehenerregender als die Tantra-Praxis. Kein anderer Yoga-Ansatz hat eine solche Faszination auf den modernen Geist und dessen Suche nach dem Bizarren, Unterhaltsamen und Rätselhaften ausgeübt.

Tantra scheint in höchstem Grade sowohl spirituellen als auch weltlichen Erfolg zu versprechen. Es umfasst nicht nur innere yogische Erfahrungen der Chakras, Lokas und Götter, sondern beinhaltet auch viele Heilmethoden für Körper und Geist. Und was am bemerkenswertesten ist, es bietet auch spezielle Mittel zur Steigerung des sexuellen Vergnügens, zum Geldvermehren, zum Erlangen von Anerkennung und zum Besiegen von Gegnern – für jegliche Arten menschlichen Begehrens stehen tantrische Methoden zur Verfügung. Im Tantra findet sich für jeden etwas, besonders auch für diejenigen, die asketische oder entsagende Ansätze zum spirituellen Leben, wie sie den großen Rest der Yoga Tradition bestimmen, als abschreckend empfinden.

Dennoch gibt es hinter diesem Reiz des Tantra tiefgründige und profunde Lehren, darunter die pulsierendsten Strömungen und detailliertesten Praktiken in der Yoga Tradition der letzten tausend Jahre oder mehr. Wenngleich Tantra jedem viel zu bieten hat, muss man  lernen zwischen dem zu unterscheiden, was wahres Tantra ist, und dem, was oberflächliches Tantra ist – andernfalls kann man schnell auf Verzerrungen hereinfallen, die zu Haufe existieren und heutzutage viel stärker ins Auge fallen als der ursprüngliche Kern.

Tantra und  Wunsch-Erfüllung
Sogar in Indien werden Tantriker oft als große Magier mit speziellen Fähigkeiten zum Überwinden von Schwierigkeiten und zum Erfüllen von Wünschen porträtiert, die mithilfe von Edelsteinen, Mantras, Yantras und Pujas die Götter auf unsere Seite ziehen und negative Kräfte und schlechtes Karma beseitigen, die sich unserem Glück in den Weg stellen. Solche Tantristen mögen wohldefinierte Wissenssysteme  anwenden, insbesondere die vedische Astrologie, aber auch Yoga und Ayurveda, und in ihren Praktiken recht bewandert sein.

Oft jedoch ist ihr Anspruch eher ein persönlicher, entsprechend ihren eigenen Kräften oder Siddhis und ihren Verbindungen zu Göttern, Gurus oder  Geistern, die auf mysteriöse Weise für uns tätig werden können und dabei alle äußeren Grenzen außer Gefecht setzen, mit denen wir uns konfrontiert sehen.

Einige tantrische Gurus werden als so machtvoll erachtet, dass bereits eine Berührung oder ein Blick von ihnen genügt, um uns zu gewähren, was immer wir uns wünschen. Sie eröffnen uns schnelle und wundersame Wege zur Erfüllung all der Bestrebungen, die Karma und Schicksal uns zu versagen scheinen. Es liegt auf der Hand, dass dieses Bild des tantrischen Gurus leicht missbraucht werden kann.

Solche Gurus können einem eine Menge Geld abknöpfen oder auf vielfältige Weise persönliche Loyalität und Untergebenheit abverlangen. Viele indische Politiker haben routinemäßig solche Tantriker eingespannt, in der Hoffnung, von deren Mächten Gebrauch machen zu können, um Wahlen zu gewinnen und ihre Gegner in die Schranken zu weisen.

Diese magische Form des Tantra gibt Stoff für Geschichten und gute Romane her, indem sie ihnen zusätzlichen Glanz verleiht und fruchtbaren Nährboden für Übertreibungen darstellt.

Selbst wahrhaftige Gurus sehen sich gelegentlich der Anschauung gegenüber, sie seien in der Lage, Wünsche zu erfüllen. Und das, obwohl sie von sich aus keinerlei tantrisches Bild projizieren - so stark ist die menschliche Sehnsucht nach hilfreicher göttlicher Intervention,  und so groß der Wunsch, diese Gurus  seien tatsächlich so, wie man sie gern hätte. Diese vom Tantra ausgehende Faszination ist nichts Neues in den Kulturen der Menschheit.

Tantra ist eine neue Version der gleichen alten Anziehungskraft von Zauberei,  Okkultem und Ritual, die sich zu einem gewissen Grade in allen Kulturen wiederfindet und  überall in der altertümlichen Welt von prominenter Bedeutung war. Alte vedische Rituale, sehr ähnlich den modernen tantrischen Ritualen, können in vergleichbarer Weise für alle Ziele im menschlichen Leben von Kama oder Sinnesvergnügen über den Sieg im Kampf bis hin zu Moksha oder Befreiung eingesetzt werden.

Eine solcher Versuch, kosmische Mächte für die menschlichen Wünsche zurechtzubiegen, tritt sogar in den monotheistischen Religionen zutage. In den westlichen Religionen wurde das Gebet in derselben Weise benutzt, um weltliches oder soziales Wohlergehen zu erlangen, und so vollzogen etwa die christlichen Evangelisten in Amerika Gebete und Gottesdienste für die Wiederwahl von George W. Bush.

Den Blick auf Gott zu richten, um sich Wünsche zu erfüllen – ob auf Gott im formlosen Sinne oder in Gestalt verschiedener Götter und Göttinnen,  Heiliger und Gurus – ist eine der ersten und üblichsten Arten menschlicher religiöser Suche. Das unentwickelte menschliche Ego wird sich Gott natürlich zuerst eher im Hinblick auf seine eigenen Bedürfnissen nähern anstatt im Zuge irgendeines ernsthaften Strebens nach Erkenntnis oder Hingabe. Tantra hält einen der ausgefeiltesten Wege dafür bereit und erkennt darin den Wert, dass es sich um einen ersten Schritt handelt, die Menschen auf den spirituellen Pfad zu bringen.

Mantras zu chanten um unser Gedeihen zu steigern oder einen guten Partner zu finden oder derartige persönliche Ziele jedweder Art sind Teil dieser Annäherung. Es ist nichts Falsches an solchen Praktiken, aber sie repräsentieren eben nicht die höheren Aspekte von Tantra oder Yoga.

Tantra und Sex
Tantra ist als der am stärksten sexuell orientierte yogische Ansatz berühmt. Während dies durchaus auch in gewisse Ströme des traditionellen Tantra wie den Vamachara oder Tempel wie Khajurao zurückverfolgt werden kann, ist es jedoch der Westen, wo diese Auffassung von Tantra am stärksten zur Geltung kommt.

Im Westen wird unter einem tantrischen Lehrer im Wesentlichen jemand verstanden, der tantrischen Sex lehrt, was weitgehend eine Kombination aus tantrisch-ritualistischer yogischer Herangehensweise an das Sexuelle und Kama Sutra sowie New Age-Psychologie ist. Bei westlichen tantrischen Yoga-Lehrern handelt es sich zumeist um Lehrer sexuellen Yogas und zuweilen gleichzeitig um Sex-Therapeuten. Ihr Anspruch liegt darin, Sex nicht nur heiliger, sondern auch freudvoller zu machen.

Natürlich findet man im Tantra die dezidierteste Göttinnen-Verehrung, was selbstverständlich das Image des Sexuellen mit sich bringt, zumal im heutigen Medien-Zeitalter. Traditionell lässt sich Tantra zum Großteil der Shakta-Tradition zuordnen, die der Göttin in all ihren Formen Hingabe widmet. Ähnlich ist auch westliches Tantra Teil der Wiederbelebung dieser Anbetung der Göttin, die sich bis in heidnische Bräuche und in  die Traditionen der Urvölker erstreckt. Auch diese Seite des Tantra hat ihren Platz, aber sie wird überbetont.

Shakti dreht sich nicht einfach nur um Sex, der lediglich einen in unserer verkörperten Natur besonders mächtigen Aspekt der kosmischen Energie darstellt. Es geht dabei um alle kosmischen Mächte. Die großen Naturgewalten wie Blitz, Sonnenlicht und Mondlicht sind ebenso Shaktis, genau wie auch die Mächte der fünf Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther. Die elektromagnetischen Kräfte der physischen Welt und die Liebe-Weisheit-Mächte der Psyche repräsentieren ebenfalls Formen der Shakti.

Shakti-Verehrung ist nicht einfach eine Hingabe an Sex, sondern ein Verständnis all dieser kosmischen Kräfte und sowohl ihrer äußerlichen wie auch ihrer inneren Welten.

Nun findet man westliche tantrische Gurus, die Tantra für ihre eigenen Ziele benutzen und dabei mit tantrischen Images der Magie und Sexualität spielen. Sie neigen zu dem Ansatz der „verrückten Gurus“, die uns auch im traditionellen Tantra begegnen. Derlei unorthodoxe Figuren handeln auf unvorhersehbare Weise, widersprüchlich oder gar unmoralisch.

Ein solcher Tantriker zu sein kann einen Freibrief dafür bedeuten, zu tun, was immer man will, und sich so ungewöhnlich und eigenwillig wie irgend möglich zu benehmen. Damit kann sich der Guru über jegliche ethische Standards hinwegsetzen, was heutzutage, da Rajas und Tamas so vorherrschend sind und die wenigen noch vorhandenen Regeln ohnehin verwischen, gar nicht so leicht ist.


Kundalini und die Chakras
Andere Tantra-Aspekte sind sowohl in den Westen herübergeschwappt als auch noch im modernen Indien anzutreffen, aber auch diese sind nicht ohne Verfälschungen. Die Chakras sind eine geläufige New Age-Thematik, jedoch werden sie oft recht anders dargestellt als  im klassischen Yoga. Die Chakras, die ursprünglich Energiezentren im feinstofflichen Körper sind, werden oft auf eine physische Formel reduziert.  Sie werden nicht so sehr als Zentren spiritueller Erfahrung betrachtet, sondern eher als Orte physischer und emotionaler Heilung.

Derartige Chakra--Heilung ist in vielen New Age-Ansätzen Gang und Gäbe, einschließlich diverser Arten von Massage, körperlicher Betätigung, energetischer Arbeit und Prana-Heilung. Auch wenn diese Praktiken ihre gesundheitlichen Vorzüge haben mögen, fördern sie dennoch nicht die tieferen Aspekte der Chakra-Energie in der Yoga-Praxis zu Tage, die in intensiver Weise Sadhana, Mantra, Pranayama und Meditation erfordern.
Die Kundalini ist unterdessen allgemein auf irgendeine Form sexueller Energie reduziert worden, die zu eigenartigen emotionalen Zuständen  und Erfahrungen führt. Oder sie wird als eine reine Naturkraft erachtet, von der auf eine technologische Weise Gebrauch zu machen ist. Ihre wahre Natur als Bewusstseinsmacht wird oft übersehen.

Diese Mischung aus westlichen New Age-Phantasien und immanentem indischem Bedarf an magischen Yogis hat viel Raum für Illusionen und Fehlauffassungen, wenn nicht Manipulation und Täuschung geschaffen.

Dadurch bedingt entgeht uns die Tatsache, dass Tantra im weiteren Sinne eine tiefe, profunde, hochspirituelle und sehr asketische Art ist, das bewusste Universum, in dem wir leben, zu verstehen. Das eigentliche Tantra wird oft unter all den schillernden Reizen und überzogenen Ansprüchen begraben.

Weitergreifende Aspekte des Tantra
Abseits von diesen Fehlvorstellungen, so sollte man erkennen, ist Tantra eine komplexe Tradition mit vielfältigen Facetten, die über die populären  Phantasien hinausgehen oder ihnen sogar zuwiderlaufen. Tantra ist verwoben mit den spirituellen Lehren Indiens und anderen spirituellen Lehren, tief in die Geschichte alter Zeiten hineinreichend.

Das populäre Verständnis von Tantra spiegelt nur einen winzigen Teil eines riesigen Wissenssystems wieder. Man könnte den Zustand des Tantra mit dem des ihm verwandten Yoga vergleichen. Wie beim Tantra wird auch beim Yoga die physische Seite,  also die Praxis yogischer Haltungen oder Asanas,  stark betont,  obwohl das Körperliche nur einen kleinen Teil des klassischen Yoga ausmacht, dessen Hauptanliegen die Meditation ist. Wir leben in einem materialistischen und medialen Zeitalter, in dem spirituelle Traditionen in körperbezogene oder sensualistische Modelle umgewandelt oder heruntergebrochen werden. Das mag sie beliebt und massentauglich machen, aber es tut ihnen auch Abbruch und verwässert sie.

Ein solch sinnesbetontes Image von Tantra könnte einige Leute dazu verleiten, alles Tantrische kategorisch zurückzuweisen. Gewisse Kreise sowohl im Westen als auch im Osten lehnen Tantra aus diesem Grunde gänzlich ab. Dies wiederum ist auch ein Fehler, denn damit übersieht man die positiven Aspekte des Tantra, seinen Reichtum an Wissen und Praktiken zu all den subtilen Aspekten von Yoga, zur Götterverehrung und zur Harmonisierung der Handlungen in der menschlichen Daseins-Sphäre mit den göttlichen Welten darüber.

Die eigentliche Frage ist also, wie man die tiefergehenden und höheren Gesichtspunkte des Tantra von den äußerlichen und oberflächlichen Betrachtungsweisen trennt. Tantra ist ein präzises Wissenssystem, das besondere Resultate und beachtliche innere Veränderung nach sich zieht, wenn man es richtig anwendet. 

Tantra zeigt auch, wie man Systeme wie die vedische Astrologie, Vastu und Ayurveda für tiefere Ebenen von Schutz und Heilung einsetzt oder um höhere Bewusstheit zu erlangen.

Tantra, Mantra und Yantra
Im Tantra finden wir die genauste Erläuterung zur Kraft des Mantra, wobei jede Silbe des Sanskrit-Alphabets exakt definiert wird. Es sind die Bija-Mantras des Tantra, die Shakti-Mantras wie Hrm und Shrm, die die mächtigsten unter allen Mantras sind. Ähnlich gibt das Tantra die ausführlichste Erklärung zum Gebrauch von Yantras oder Hinweise zu geometrischer Meditation – wichtige Werkzeuge zur Konzentration und Meditationspraxis.

Die Verehrung des Shri Chakra und Shri Yantra beispielsweise, vermutlich die bedeutsamste und detaillierteste aller Yoga-Lehren, ist die wichtigste tantrische Lehre. Das gesamte Universum und der subtile Körper sind im Shri Chakra präsent. Seine Huldigung schließt das Individuum mitsamt seiner ganzen Existenz ein.

Tantra ist ein gutes Werkzeug, um Leuten aller Provinienz zu helfen, die Ehrerbietung gegenüber der Göttin wiederzuentdecken und angemessene Formen ihrer Verehrung wiederherzustellen.

Als sich das Christentum entwickelte, verwarf und verdammte es die verbreitete heidnische Göttinnen-Verehrung, die lange im Westen existiert hatte. Das westliche Tantra hat in heidnischen Traditionen von den Kelten bis zu den Griechen, Römern, Ägyptern und Babyloniern viele weitere Formen der Göttinnen-Verehrung hinzugefügt.

Dennoch gingen in diesen Traditionen sowohl die äußeren als auch die inneren Formen weitgehend verloren. Das hinduistische Tantra hilft, diese Methoden der Verehrung durch sein Verständnis von Ritual, Meditation und Ikonographie zu erneuern.

Tantra bietet einen immensen Bilderreichtum, wie etwa in den Dasha Mahavidya oder Zehn Weisheitsformen der Göttin oder in den vielen Gestalten von Kali und Durga. Ferner hält Tantra die präzisesten Informationen zur Visualisierung dieser Gottheiten und ihrer Erscheinungsbilder, und Schmuckstücke sowie Waffen zu deren Gebrauch bereit. Es umfasst eine bedeutende Tradition heiliger Kunst mit tiefem Verständnis für Symbolismus und genaue Darstellungsregeln. Zudem pflegt es die großen Feste der Göttin wie Navaratri und die Durga Puja. Heilige Stätten des Tantra von Kamakhya in Assam bis hin zu Kamakshi in Tamil Nadu halten nicht nur eine Tradition der Göttinnen-Anbetung, sondern eine lebendige Verbindung mit der Göttin in der Natur aufrecht.


Historischer Einfluss des Tantra
Tantra ist vielleicht die Hauptströmung in der indischen Spiritualität der letzten tausend Jahre oder mehr und es hilft uns, deren gesamte Bewegung zu verstehen. Der moderne Hinduismus ist meistenteils tantrisch und sogar ein großer Teil des Buddhismus und Jinismus sind tantrisch. Wenn man genauer hinsieht, enthält auch der Sikh Dharma ein deutlich tantrisches Element. Der tibetische Buddhismus ist fast durchweg eine tantrische Form, die von indischen Tantrikern aus Bengalen und Bihar übernommen wurde.

Ein solcher Buddhismus der Mantras, Mandalas, Gottheiten sowie des Yoga und der Meditation ist den tantrischen und vedischen Disziplinen des Hinduismus viel näher als dem alten Buddhismus Shri Lankas oder Thailands.

Traditionelles Tantra hat eine starke asketische und monastische Form, obgleich es auch seine Haushälter-Tradition hat. Spezielle tantrische Göttinnen-Verehrung verschiedener Art wird in den Haupt-Shankaracharya-Maths Indiens fortgeführt, wobei mächtige Mantras, Yantras und Rituale zum Einsatz kommen.

Shankara selbst war nicht nur der berühmteste Advaita-Lehrer, sondern auch einer der wichtigsten Tantra-Lehrer. Sein großes Gedicht an die Göttin, Saundarya Lahiri, ist und bleibt vielleicht der bedeutsamste tantrische Text zur Shri Chakra-Verehrung.
Die Verehrung in den agamischen Tempeln Südindiens ist in diesem weiteren Sinne auch tantrisch. Der Shaivismus ist größtenteils tantrisch. Noch dazu gibt es tantrische Elemente im Vaishnavismus und anderen Traditionen.

Tantra-Lehren haben für die meisten der herausragenden Gurus des modernen Indiens seit Ramakrishna und Vivekananda eine wichtige Rolle gespielt, darunter Shri Aurobindo, Shivananda, Anandamayi Ma und viele andere. Ganapati Muni, der bedeutendste Schüler von Ramana Maharshi, war ein anderer großer Tantra-Yogi.

Und trotzdem ist diese Tradition sogar noch älter. Durch die vergangenen tausend Jahre hindurch oder mehr waren die maßgeblichen Yogalehrer angefangen mit Goraknath und Matsyendranath vor allem Nath-Yogis, bei denen es sich um shaivistische Tantristen handelte. Solche Nath Yogis waren die Begründer der Hatha Yoga-Tradition und vieler wichtiger Zweige des Tantra. Nath Yogis wurden von Shankara, Jnanadeva, Abhinavagupta und vielen anderen großen Hindu-Lehr-ern des Mittelalters gerühmt. Selbst die Lehren des modernen Yoga-Gurus Krishnamacharya werden einer von einem Natha Muni etablierten Tradition zugeschrieben. Das bedeutet, dass es schwierig ist, Hatha Yoga zu verstehen ohne ein Verständnis des wahren Tantra entwickelt zu haben.

Der beste Weg ursprüngliches Tantra zu verstehen, ist es als erweiterte Form des Raja Yoga zu begreifen. Wie die Yoga Sutras und sogar in größerer Ausführlichkeit lehrt Tantra nämlich Asanas, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi, für die es viel mehr spezifische Formen und Techniken vorsieht. Es liefert Einzelheiten zu Mantras und Methoden, auf die in den Sutras nur wage angespielt wird.

Man kann Tantra auch erklären als yogische Annäherung an Wissenschaft und Kunst. In dieser Hinsicht besteht eine Überschneidung zwischen vedischen und tantrischen Wissenschaften in  Disziplinen wie Ayurveda, Jyotish und Vastu. Tantra ist die Basis des Rasa Shastra, der alchemistischen Seite von Ayurveda, und einem nicht geringen Teil der psychologischen Ayurveda-Behandlungen.

Tantra wendet die Regeln des Jyotish an, um günstige Zeitpunkte für das Ritual, für Pujas und so weiter zu bestimmen. Tantrische Architektur und tantrischer Tempelbau leiten sich aus dem Vastu her. Tatsächlich findet man – entgegen der Meinung zeitgenössischer Akademiker, denen es nicht gelingt diese offensichtliche Verbindung zu sehen – gerade im Tantra die detailgetreuste Anwendung der vedischen Lehren von Ritual, Mantra, Yajna, Puja und Meditation.

Ob es uns also gefällt oder nicht, Tantra ist und bleibt eine dominierende Kraft nicht nur in der indischen Spiritualität, sondern derjenigen der ganzen Welt. Während man die Rolle der populären und dem New Age entsprungenen Erscheinungsformen des Tantra als Einstieg in die tantrischen Lehren anerkennen kann, ist es erforderlich, den weiter greifenden und tieferen Inhalt des eigentlichen Tantra zu erkennen, der über sie hinausreicht und sich recht deutlich davon unterscheiden kann.

Tantra ist die praktische und energetische Anwendung all der yogischen Weisheiten von Leben, Zeit, Weltraum und Energie. Wenn man sich Tantra mit der richtigen Absicht nähert, kann es helfen, das höchste Ziel, die Realisierung des gesamten Universums innerhalb des eigenen Bewusstseins, zu erreichen.

 
 
 

 

 
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